Silvester zum Knast!

Dieses Jahr starten wir am Dorfplatz in Friedrichshain vor der Liebig 34, einem separatistischen Hausprojekt, das sich ohne cis-Männer organisiert. Am 31.12. um 00 Uhr läuft der Pachtvertrag des Projekts aus und wird aller Voraussicht nach nicht verlängert werden. Was könnte passender sein, als in dem Moment, wo wir nicht mehr legal in unserem eigenen Zuhause leben und kriminalisiert werden, an andere Kriminalisierte zu denken, die schon im Knast sitzen? Wir werden daher unsere Solidarität mit den Eingeknasteten symbolisch vom Dorfplatz zum Frauen*gefängnis in Lichtenberg tragen. Die Gefangenen sind nicht vergessen!

Freund*innen sitzen im Knast, weil sie sich der herrschenden Ordnung entgegenstellen. Der Gefängniskomplex ist eine politische Angelegenheit an sich. Gefängnisse sind kein Ort außerhalb der Gesellschaft, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Techniken des Überwachens und Strafens, die eine kapitalistisch organisierte Gesellschaft aufrechterhalten. In Gefängnissen werden Menschen über Jahre und Jahrzehnte auf wenigen Quadratmetern eingesperrt, kontrolliert, beobachtet und isoliert. Der Knast an sich ist eine der offensichtlichsten Formen von Kontrolle und legitimiert sich durch einen diffusen Sicherheitsbegriff. Aber auch außerhalb der Knastmauern werden wir aufgrund eben dieser Vorstellung von absoluter Sicherheit unter Kontrolle gehalten. Uns hier draußen verkaufen sie dieses Leben als Freiheit.

Aber was bedeutet Freiheit im kapitalistischen System? Die Freiheit im Kapitalismus ist eine vorgegaukelte. Freiheit im Kapitalismus heißt, sich zwischen Scheiße und Scheiße zu entscheiden. RTL oder ARD, CDU oder SPD, Mayo oder Ketchup. Freiheit im kapitalistischen System bedeutet, arbeitsfähig und in diesem Sinne verwertbar zu sein. Freiheit im kapitalistischen System heißt, sich in eine von Gesetzen und Normen geformte Gesellschaft einzugliedern. Freiheit im kapitalistischen System bedeutet, im Konkurrenzkampf mit anderen Individuen möglichst viel Macht anzuhäufen. Freiheit im kapitalistischen System bedeutet, die eigene Kaufkraft in diesem Sinne auszuüben.

Das Gefängnis ist nur eine Zuspitzung der hierarchischen Strukturen in den gesellschaftlichen Funktionen, in denen wir alltäglich gefangen sind. Schule, Arbeit, Behörden, und letztendlich einsperrende Institutionen wie Knäste, all dies sind hierarchische autoritäre Strukturen, durch die wir zugerichtet werden sollen.

Eine solche Gesellschaft, die zudem auf Ungleichheit basiert, funktioniert nicht ohne Strafe. Dabei geht es aber nicht nur darum, einzelne Individuen zu bestrafen, sondern auch darum, die anderen abzuschrecken, damit diese sich nicht trauen, ihre Wünsche und Träume auszuleben.

Bei Gefängnisstrafen geht es nicht um Gerechtigkeit. Es geht darum, dass wir uns nicht einfach die Lebensmittel im Laden nehmen, die uns zustehen. Dem widerlichen Macker nicht zwischen die Beine treten, wenn unsere Grenzen überschritten werden. Nicht umsonst zu fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Nicht über unsere Körper zu bestimmen, wie wir es wollen und beispielsweise ohne Zwangsberatung abzutreiben.

Es geht darum, gewisse „Gruppen“ zu marginalisieren und gegeneinander auszuspielen, damit wir uns nicht gemeinsam auflehnen. Es wird gehetzt gegen PoCs, Illegalisierte, Arme, Arbeitslose, Wohnungslose und alle Menschen, die von der selbst ernannten „Mehrheitsgesellschaft“ diskriminiert, ausgeschlossen und verfolgt werden. Dazu gehört auch die Diskriminierung von Menschen, die sich nicht in der konstruierten Zweigeschlechtlichkeit wiederfinden und einordnen können oder wollen.

Besonders schwer haben es Trans, Inter, und genderqueers im Knast. Vorgesehen sind nur Knäste für Frauen* oder Männer*. Trans und Inter Menschen werden ihrem im Ausweis beschriebenen Geschlecht zugeordnet und dementsprechend verwahrt, auch wenn das in keinster Weise mit ihrer gelebten Identität übereinstimmt. So kommt es, dass trans-Frauen oft in Männer*gefängnissen eingesperrt werden. Im Knast ist es außerdem noch schwieriger, Hormone und andere wichtige Behandlungen zu erhalten.

Die logische Konsequenz dessen sind keine extra Knäste für Queers. Wir wollen keine Reformen, wir lehnen die Institution Knast an und für sich ab.

Dass widerständigen Praktiken verschärft mit Repression begegnet wird, macht sich aktuell in Deutschland im §113 StGB (Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte) bemerkbar. Es sind nur kleine Gesetzesänderungen, die große Auswirkungen auf unser alltägliches Leben haben.

Solidarische Grüße an alle Gefangenen weltweit! Egal ob russische Anarchist_innen, kurdische Gefangene, Menschen in LGBTIQ-Knästen in der Türkei oder Gefangene im Hungerstreik. Egal wo: Feuer allen Gefängnissen!

Wir treffen uns um 22.30 Uhr zu wärmendem Tee vor der Liebigstraße 34. Um 23 Uhr gehen wir los, damit wir pünktlich um 24 Uhr an der JVA für Frauen* in Lichtenberg sind, um unseren Freund*innen zu zeigen, dass sie da drinnen nicht allein sind.

Die Demo wird angemeldet. Genauere Infos zur Route folgen.


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